Vom Morden mit Freunden

Vom Morden mit Freunden

Nach knapp vier Jahren gehe ich ab. Was ich bei der kleinen Schauspieltruppe von "Mörder Dinner" gelernt und erlebt habe, bleibt.

Peter Fox läuft auf Heavy Rotation in meinem Schädel. „Alles neu„. Während der letzten paar Monate hat sich derbe viel verändert in meinem Leben. Neue Frise, neuer Job, mehr Platz für Herz. Im Gegensatz zu Herrn Fox fehlen mir allerdings oft die Cojones, einfach so „neu zu machen“. Ich durchwate Veränderung. Langsam und mit ner gewaltigen Gedankenladung im Gepäck. Was mich mit Peterchen Fuchs verbindet, ist die Liebe zum Affentheater. Ok, streich die Affen. Ich liebe Theater. Umso mehr bewegt mich der Abschied von einer mitreißenden, kleinen Theatertruppe.

„Wie wäre es mit dem Herrn in der dritten Reihe?“

Vor knapp vier Jahren habe ich „Mörder Dinner“ kennengelernt. Meine Freundin hat mich damals zum Casting mitgeschleppt. Auch wenn ich Theater liebe, Shows à la „Dinner and Crime“ waren mir schon immer etwas suspekt. Schlimmer sind eigentlich nur Zaubershows. Dieses penetrante Einbeziehen des Publikums. Nie hat man seine Ruhe. Immer gaaanz viel Action und dann das Gelächter der anderen Zuschauer, wenn man sich vor versammelter Mannschaft zum Vollidioten macht. Na gut. Die Lust aufs Ausprobieren war größer. Dankenswerterweise wurde ich dann auch gemeinsam mit meiner Freundin ins Ensemble aufgenommen.

Mörder Dinner hieß vor einiger Zeit noch „Mord in 5 Gängen“. Das Konzept hat sich kaum verändert. Zuschauer kommen zu einem Veranstaltungsort, verleiben sich einen Aperitif ein und sind ab dann Teil des Theaterstücks. Essen und Schauspiel gehen Hand in Hand, werden zu einem Gesamterlebnis. Und das Ensemble halt immer ganz nah dran am Publikum. Inklusive Improvisation am Dinnertisch. Was mich von Anfang an begeistert hat: da war Liebe im Spiel. Als ich kurz vor meinem ersten Auftritt in den Veranstaltungssaal geschaut habe, sind mir kleine, handgerollte Menükärtchen auf den Tischen aufgefallen. „Das machen wir alles selbst. Wer soll das sonst machen“, hat der Chef mich damals gefragt. Keine Ahnung.

Der Chef von Mörder Dinner ist ein unpackbar tatenlustiger Schauspieler aus dem Wienerwald. Was er mit Mörder Dinner aufgezogen hat, war vor einigen Jahren noch ein kleiner Theaterverein. Freunde, die gemeinsam selbstgeschriebene Stücke auf die Bühne bringen wollten. Ok, Bühnen gibts bei Mörder Dinner auch heute nicht wirklich, weil halt alles direkt im Publikum passiert. Trotzdem hat die befreundete Truppe ihr Ding durchgezogen. Heute spielt das Ensemble in Wien, Niederösterreich, der Steiermark und dem Burgenland – mal in nem gutbürgerlichen Gasthaus, mal in nem fancy Schloss. Aus dem Verein ist ein Unternehmen geworden. Das Ensemble ist gewachsen und wird mittlerweile von einer professionellen Regisseurin geleitet (Bussi an meine Freundin).

Jobangebot vom Daimler-Club St. Margarethen

Trotz allem Wachstum und aller Professionalisierung spüre ich bei Mörder Dinner auch heute noch diesen Funken Vertrautheit und Verbundenheit, ganz wie in einem Freundeskreis. Sei es in Dialogen aus den weiterhin selbstgeschriebenen Stücken oder im Umgang miteinander. Off- und On-Stage. Da wird miteinander gelacht, da kotzt man sich gegenseitig an und besinnt sich dann wieder auf das, wofür man da ist: Menschen aus dem Alltag rausholen. Und ich habe so viele wundervolle Momente erleben dürfen, in denen Publikum und Ensemble gemeinsam ausgebrochen sind. Ganz ohne Zauberei und gekünsteltes Drama.

Henric Wietheger auf der Bühne von Mörderdinner
Foto: moerderdinner.com

Es gab Momente, in denen Männer mir Schläge angedroht haben, weil ich ihre Frauen becirct habe. Andere Männer haben mir Flirttipps gegeben. Frauen haben für mich Krokodilstränen verdrückt, wenn ich von verflossenen Liebschaften erzählt habe. Ähnlich mitfühlende und mitfiebernde Momente habe ich bei meinen Schauspielkollegen beobachtet. Da war dann kein Schauspiel. Das war einen kurzen Moment echt. Pur. Da gabs keine Rollen, kein Skript, keine Show.

Eine Begegnung werde ich nie vergessen. Ich habe einen vermeintlich schwulen Event-Manager gespielt, der ein bisschen zu dick aufträgt und dann auffliegt. Im Publikum saß eine wohlgenährte, ältere Dame mit Glitzerrobe. Allein für ihr Outfit musste ich ihr ein Kompliment machen. „Darling, du siehst umwerfend aus.“ Ohne auf mein Kompliment einzugehen hat sie direkt gesagt: „Ich hab nix gegen Menschen wie Sie.“ Ok. Homophob-Omi. Jetzt kommt das „aber“, habe ich gedacht. „Wissen Sie, meine Tochter hat mir vor kurzem die Conchita Wurst gezeigt. Ich mochte die eigentlich nicht. Und dann hat sie mir etwas vorgespielt von ihr und ich war begeistert. Seitdem nehme ich mir vor, Menschen nicht mehr zu verurteilen, nur weil sie sich anders verhalten als ich das kenne.“ Ich war baff und habe sie angeguckt. „Na kommen’s her“, hat sie gesagt und wollte mich in den Arm nehmen. Angebot angenommen. Wir haben uns eine ganze Zeit lang fest gedrückt. Ich war glücklich. Nicht in meiner Rolle. Als sie mir dann angeboten hat, das nächste Event für den Daimler-Club St- Margarethen auszurichten, musste ich dann doch wieder Schauspieler werden und ihr absagen. Zu viel zu tun.

(geht ab)

Ich bin dankbar. Nicht nur für solche Momente. Ich durfte mit einem talentierten Ensemble lernen, handwerklich deutlich besser werden und die Grenzen zwischen Alltag und Spiel ausloten. Jetzt werde ich mich einer anderen künstlerischen Herausforderung stellen. Mörder Dinner wird weitermachen. Und ich wünsche ihnen viel Erfolg. Schauspiel, das trotz professionellem Niveau menschlich so berührt und mitreißt, gehört öfter gesehen und erlebt.

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Er schreibt

Henric Wietheger

Henric lustwandelt durchs Leben. Seine Beobachtungen aus Kultur, Jugend und Medien schreibt er unregelmäßig nieder. Klick seine Nase oder geig ihm deine Meinung.