Rückblick in die Spielzeugkiste

Von leeren Batterien über eine besondere Vaterfigur bis zum gelben Traumboliden.

Ich hab Lust, den Olli Geißen zu machen und auf das letzte Jahr zurückzublicken. Im Gegensatz zum gemütlichen Krabbenkasper von RTL schaue ich allerdings nicht in die Hitparade, sondern in die Spielzeugkiste. 2019 gabs nämlich drei (vor dem Hintergrund des restlichen Weltgeschehens vollkommen irrelevante) News, die mich gedanklich in einen überbunten Nicki-Pullover gehüllt haben. Wer keinen Bock hat auf Nostalgieeintopf Ü30, macht also ab hier lieber den Peter Lustig und schaltet ab.

Bis die Batterie den Geist aufgibt

Wäre der Walkman ein Mensch, hätte er von weniger wohl gesonnenen Freunden 2019 eine dieser potthässlichen und uninspirierten „Runder-Geburtstag-Spruch-Grußkarten“ bekommen: 40 – Na und? Du wirst nicht älter, sondern nur besser. Am 1.7.1979 hat Sony in Japan den Walkman auf den Markt gebracht. Ich hab erst knapp 15 Jahre später so eine Rappelkiste in der Hand gehalten. Meiner war nicht von Sony, sondern von Saba und sah auch ein bisschen so aus – türkise Schlotze auf feinstem Hartplastik. Ich habe ihn trotzdem geliebt. Eine meiner allerersten Kassetten, Folge 1 von „Ollies total verrückter Farm“ (meine hat damals nicht € 1.111,11 gekostet) habe ich auf dem Sabber-Walkman rauf und runter gehört.

Die Freiheit, bei so ziemlich jeder Gelegenheit und fast überall Ollies abgefahrenen Abenteuern zu lauschen, habe ich verdammt lange als etwas besonders empfunden. Spätestens als die ersten Koolkids auf dem Schulhof mit Discmans rumgerannt sind, wusste ich, da geht mehr: Dauerbeschallung. Ollie musste möglichst krasser Musik weichen. Für den Fall, dass mal irgendjemand reinhören will, was bei mir läuft. Also habe ich die „Best Of German Hip Hop“ CD meines Bruders auf Kassette aufgenommen und zu HH City Allstars genickt bis die Batterien den Beat zum Leiern gebracht haben.

Zum Jahreswechsel sitzt der 40jährige Walkman vermutlich irgendwo in der UBahn, zerreißt die unlustige Geburtstagskarte, grinst und fragt sich, was seine digitalen Nachkommen in den Ohren der Wartenden und Wandelnden noch so treiben werden.

Tankwart Bummskopf ist nicht mehr

In meinem Kassettenkoffer standen bald neben der ersten Folge von „Ollies total verrückte Farm“ Folge 3, 5 und 12 von „Alf“. Jau, ist nah dran am jolly Birthday vom Walkman, hat aber einen anderen Anlass. 2019 ist nämlich Max Wright, der Darsteller von Alfs Ziehvater Willie Tanner, verstorben. Kurioserweise hat mich diese Nachricht sehr traurig gemacht. Nicht zuletzt, weil ich mich noch gut an die Fotos erinnert habe, die vor einiger Zeit durchs Netz gegeistert sind. Gala und Co. hatten mal wieder nachgehakt, was aus irgendwelchen SerienheldInnen unserer Kindheit geworden ist. Wright sah aus wie der Host von „Geschichten aus der Gruft“, angeblich gezeichnet von gehörigem Drogenkonsum. Etwas später dann also Schicht in der Gruft. Wright sei an den Folgen einer langjährigen Krebserkrankung gestorben, schreibt unter anderem die ZEIT.

Ich liebe Alf noch heute. Bombenserie. Der Charakter des Willie Tanner und sein Darsteller tragen für mich einen wesentlichen Teil dazu bei. Einerseits wegen solcher Zitate, die mir noch heute durch die Birne schwirren: „Für wen hältst du mich? Tankwart Bummskopf?“ (ich habe Alf in der deutschen Synchronisation gehört und gesehen). Andererseits, weil ich das, wofür Willie Tanner gestanden ist, bewundert habe. Das war eine Vaterfigur, die ich so nie wieder im Fernsehen oder in Hörspielen erlebt habe. Willie war kein Tyrann, kein Oberhaupt, ohne das die Familie zusamenbricht, kein Loser, kein Pantoffelheld, kein Arsch und kein Superheld. Er war liebevoll, fürsorglich, duldsam, aufrichtig und hatte genügend offensichtliche Schwächen, zu denen er gestanden ist. Bei aller mitunter platten Tolpatschigkeit oder Spießigkeit, fand ich die Rolle des Willie Tanner dementsprechend einzigartig und liebenswert. Max Wright hat sie meiner Meinung nach wundervoll ausgefüllt. Danke dafür.

Gelber Traumbolide

Zuletzt noch etwas Bewegung in den Rückblick bringen, zumindest gedanklich. Das Kettcar wird bald nicht mehr hergestellt. 2019 hat der Hersteller Kettler bekannt gegeben, dass die spaßigen Tretautos bald nicht mehr sind.
Ich erinnere mich noch so gut daran, wie neidisch ich auf alle Nachbarskinder war, die so einen schwarz-gelben Traumboliden ihr Eigen nennen durften. Mit meinen eher mäßig coolen Puky-Rädern habe ich am Schulhof abgestunken, wenn so einer vorgefahren ist. Da war klar, wer Boss im Rennstall war. Ab und an durfte ich mit dem Kettcar von Schulfreund Chrisi ne Spritzrunde drehen. Meine Herren habe ich die Pedale getreten und dann mit der Handbremse um die Ecken vom Lokushäuschen driften – Lebenslust pur. Heute würde ich mit meinem 30jährigen Pummelhintern noch nicht mal ansatzweise in den Schalensitz der Schulhof-Racer reinpassen. Wurscht, die Erinnerung bleibt. Hoffentlich kommen noch viele Kinder in diesen Fahrgenuss bis das letzte Kettcar in der Abstellkammer verrostet.

Vielleicht hast du ja auch noch n paar Erinnerungen, die du abseits von 2019 hinzufügen möchtest. Falls ja, machst du das vermutlich nicht hier unten in der Kommentarspalte, weil wer kommentiert überhaupt noch Blogposts? Vielleicht kramst du einfach mal wieder ein paar Erinnerungen aus dem Gehinrskarteikasten mit der Überschrift „Kindheit“ aus. Ganz alleine und für dich. Vielleicht machts dir genauso viel kindliche Freude wie mir.

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Er schreibt

Henric Wietheger

Henric lustwandelt durchs Leben. Seine Beobachtungen aus Kultur, Jugend und Medien schreibt er unregelmäßig nieder. Klick seine Nase oder geig ihm deine Meinung.