SocialMedia Relevanz

Relevanz im Social Web?! – Armin Wolf im Interview

Weil ich weiß, dass Relevanz ein schwer fassbarer Begriff ist, möchte ich heute mit Unterstützung von ORF-Moderator und Twitter-Hero Armin Wolf herausfinden, was relevante Information ausmacht. Gar nicht so leicht.

Weil ich weiß, dass Relevanz ein schwer fassbarer Begriff ist, möchte ich heute mit Unterstützung von ORF-Moderator und Twitter-Hero Armin Wolf herausfinden, was relevante Information ausmacht. Gar nicht so leicht. Wir haben uns beim Nachforschen auf das Social Web konzentriert. Dort Relevantes zu berichten ist ziemlich schwer. Man hat es nämlich so extrem wie in kaum einem anderen Medium zu jeder Zeit mit einer unüberschaubaren Masse an Mithörern, Mitlesern und Mitschreibern zu tun. Nicht nur ich denke mir oft, wenn ich im Social Web unterwegs bin: “Alle reden – keiner hört zu”. Wie verschafft man sich trotzdem Gehör, wie kommt man ins Gespräch? Armin Wolf hat mir im Rahmen eines sehr spontanen Interviews seine Meinung zum Thema gesagt – Vielen Dank dafür! Wenn euch selbst noch etwas “Relevantes” einfällt, was ihr zum Thema beitragen wollt, lasst euren Ideen in Form von Kommentaren freien Lauf.

Was bedeutet Ihrer Meinung nach Relevanz in Social Media? Wie wird man relevant?

Über Relevanz entscheidet glaube ich immer der, der es liest. Es gibt nichts objektiv Relevantes oder es gibt ganz wenig objektiv Relevantes. Wenn Sie in New York wohnen und es fliegt ein Flugzeug in das World Trade Center, dann ist das objektiv Relevant – oder ob z.B. die Währung zusammenbricht, in der Sie bezahlen. Sonst hat die Entscheidung, ob etwas, was ich lese, relevant ist oder nicht ausschließlich mit mir und meinen Interessen zu tun.

Abseits der räumlichen Nähe: Nach welchen Kriterien entscheidet man, was relevant ist und was nicht?

Ich habe mich mit dem Thema relativ viel beschäftigt und glaube es gibt drei Kriterien, nach denen man letztendlich entscheidet. Ein Kriterium ist ganz offensichtlich der Unterhaltungswert. Es muss einen Grund haben, warum das meistgesehene Video auf YouTube nicht ein professionelles Musikvideo, sondern „Charlie bit my finger – again“ ist. Fast 400 Millionen Leute haben das angeschaut – unfassbar. Für Charlie, seinem Bruder und seinen Eltern mag das Video relevant sein. Für alle anderen ist es eigentlich völlig irrelevant, aber offensichtlich interessiert es trotzdem wahnsinnig viele Leute, weil es lustig ist. Unterhaltsame Dinge haben also eine ganz eigene Art von Relevanz. Dann ist glaube ich alles relevant, was mich betrifft. Damit meine ich alle Dinge, die ich unmittelbar brauche oder die in meine Lebensroutinen eingreifen, Dinge, die mein Leben verändern. Das können Informationen über Gesetze, Staus oder irgendwas, das ich z.B. als Student für die nächste Prüfung brauche, sein. Und offensichtlich nehmen viele Leute als relevant wahr, was ihnen von Freunden empfohlen wird. Das scheint zumindest die Relevanz von Dingen zu erhöhen. Wenn meine Freunde mir sagen, schau dir das oder das an, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich mir es anschaue.

Wie entscheiden Sie zum Beispiel beim Twittern, was für Ihre Follower relevant sein könnte?

Ich mache das ganz nach Gefühl. Wenn ich vor dem Computer sitze, die APA oder irgendwas anderes durchlese und etwas Interessantes finde, was ich auch meinem besten Freund erzählen würde, dann schicke ich das weiter. Aber das ist wie gesagt eine totale Gefühlsgeschichte. Ich twittere ja auch wenig über Vorgänge in meinem Leben. Ob ich jetzt gerade einen Joghurt esse, gerade aufgestanden bin oder schlecht aufgelegt bin – das finde ich wahnsinnig uninteressant für andere Menschen. Das lese ich auch nicht. Leute, die solche Sachen twittern, entfolge ich. Ich folge nur Leuten, die interessante Dinge verschicken.

Etwas konkreter: Wonach genau entscheiden Sie, wem Sie folgen?

Schätzungsweise würde ich mal sagen, mindestens zwei Drittel der Tweets müssen für mich interessant sein. Wenn jemand lauter Mist postet und dann am besten nur alle zwei Wochen, dann ist der aus meiner Timeline draußen. Momentan folge ich 192 Leuten und ich versuche alles, was diese Leute schreiben auch zu lesen. Wenn ich nicht gerade im Urlaub bin, kriege ich zu hundert Prozent mit, was gepostet wird. Einer meiner Lieblingsmenschen auf Twitter ist @AmirKassaei von DDB. Der verschickt in der Woche sicher zwei Dutzend Tweets, die ich interessant finde – aus den verschiedensten Gründen. Sei es weil ich sie brauchen kann, weil sie einfach spannend sind oder weil sie lustig anzuschauen sind. Im Gegensatz dazu klicke ich zum Beispiel nie auf Tweets, die nur aus einem Link ohne weitere Info bestehen. Was dazugehört, ist eine vernünftige Beschreibung oder Ankündigung was da jetzt kommt.

Welche Tipps können Sie mir stellvertretend für alle Twitter-Newbies geben?

Das weiß ich eben nicht, weil ich ja in einer ganz untypischen Situation mit Twitter begonnen habe. Durch meine Job hatte ich ja einen unglaublichen Startvorteil und ich weiß nicht, wie es ist, wenn man das nicht hat. Als jemand, der völlig unbekannt ist, viele Follower zu gewinnen, stelle mir ziemlich schwierig vor. Die einzig realistische Variante ist wohl: Sie müssen Sachen twittern, die so interessant, unterhaltsam oder spannend sind, dass Leute, die bereits viele Follower haben Sie ein paar mal retweeten. So werden andere Twitterer neugierig und schauen in der Regel nach, was Sie so schreiben. Bei mir ist es auch so, dass ich viele meiner 192 Follower nicht kenne und sie trotzdem interessant finde, weil sie öfter etwas schreiben, was mit zusagt. Außerdem ist ja das Risiko nicht groß. Wenn ich merke, dass mich jemand letztlich doch nicht so interessiert, drücke ich auf „unfollow“.

Gibt es also ein Geheimrezept für erfolgreiches Twittern?

Ja: Sie müssen interessant sein. Viel einfacher geht es gar nicht mehr. Warum soll ich meine Zeit mit Ihnen verbringen, wenn Sie uninteressant sind?

Ist es in dem Zusammenhang wichtig, dass man sich auf ein Fachgebiet spezialisiert?

Sie müssten schon ziemlich brilliant sein, wenn Sie einfach nur alltägliche Weltbetrachtungen und Aphorismen über den Zustand der Welt verschicken und andere das als lohnend empfinden sollen. Einen Menschen gibt es, dem ich so folge: Alfred Zellinger. Der ist einfach amüsant, schickt ein paar Mal was aus und es ist immer wieder lustig. Er verschickt auch nie Links. Eigentlich folge ich sonst niemandem, der nie Links verschickt, weil ich ja etwas lernen will. Aber meine Frau z.B. folgt mit großem Vergnügen @BaamBuFish, einem 16jährigen Schüler aus Deutschland, der einfach wirklich witzig ist. Echt originell. Und er hat immerhin 1.135 Follower. Zusammengefasst hat Twitter für mich drei Funktionen: Ich verwende es als Marketing für die ZiB2, ich verwende es für Crowdsourcing – was bei über 32.000 Leuten oft wirklich ertragreich ist, aber manchmal auch ein bisschen unübersichtlich – und ich verwende es vor allem als personalisierte Nachrichtenagentur. Abgesehen von manchen Ausnahmen folge ich eigentlich niemandem, der über die ganze Welt twittert. Ich folge in der Regel Menschen, die sich auf einem Fachgebiet sehr gut auskennen und deren Fachwissen ich benutzen kann.

Zum Abschluss: Wie wird sich Relevanz in Social Media entwickeln? Wird es eine Relevanz geben, die für uns alle gültig ist?
Ich glaube das wird immer völlig individuell sein. Allgemein gültige Relevanz ist ganz schwierig zu fassen. Das ist ja auch das Problem, das wir jeden Tag um 19.30 Uhr im Fernsehen beobachten. Wie macht man eine viertelstündige Nachrichtensendung, die möglichst relevant für möglichst viele Leute ist? Da spielt Vertrauen eine ganz wichtige Rolle. Ich brauche zum Beispiel Kuratoren, denen ich vertrauen kann, dass sie die wichtigen Informationen für mich heraussuchen. Die ZiB möchte das gerne für möglichst viele Zuseher sein. Und eigentlich sollte jeder, dem ich zum Beispiel auf Twitter folge für mich genau so eine Kuratorenrolle einnehmen.

Vielen Dank für das Interview!

Zur Vertiefung habe ich hier noch einen meiner älteren Blogposts anzubieten. Ich freue mich auf eure Ideen, Einwände und Kritik.

Ich weiß was, was du nicht weißt.
Weiliewei

  • Danke für das Gespräch, aber hab gerade ein kleines Missverständnis entdeckt: “Charlie bit my finger – again” ist das populärste Video auf YouTube, das kein professionelles Musikvideo ist, also das populärste Amateur-Video dort. Einige Musikclips haben noch sehr viel mehr Klicks – sind natürlich erst recht Unterhaltung…

    • Danke für den Hinweis. Und vor allem: Danke nochmal für das interview. Mir persönlich haben Ihre Aussagen in vielerlei Hinsicht deutlich gemacht, dass ich in meinem Online-Socialversum nicht so relevant bin, wie ich gerne wäre. In Zukunft will ich noch mehr darauf achten, dass all das, was ich poste einen Mehrwert für meine Follower, Fans oder Freunde bietet.

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